Montag, 19. Dezember 2011

Langsamkeit

Überfahrt nach Don Khong

Jetzt da wir die Möglichkeit haben, die Zeit radikal zu unseren Gunsten nutzen zu können, begeben wir uns auf die Reise zum Ort der Langsamkeit. Wenn es einen sprachlichen Ausdruck gibt, der universell Anwendung auf die laotische Lebensweise finden kann, dann sind es die Wörter "langsam" und "verschlafen". Und wenn es einen Landstrich gibt, deren Hauptstadt das Epizentrum der Langsamkeit darstellt, dann ist es Muang Khon, das kleine verschlafene Provinznest auf der Insel Don Khong.

Doch der Reihe nach. Reisen gewinnt wieder an Wertigkeit, Entfernungen sind endlich real, wenn man sich auf das fast schon traditionell gewordene Fortbewegungsmittel in Laos verläßt. Das Moped hat Asien im Sturm erobert. Überall fahren diese Maschinen auf und ab und fast alles und jeder kann damit befördert werden. Egal ob Großeinkauf vom Markt, neue Baustoffe für den Häuserbau, Kleingetier aus heimischer Zucht, Korbgeflechte oder die ganze Familie. Das Moped ist praktisch! Also packt auch uns das Reisefieber Zweirad. Nicht das wir mit einem öffentlichen Verkehrsmittel auch die gleiche Strecke hätten bewältigen können, doch die Entscheidung zur individuellen Mobilität wog wichtiger. Und was sind schon 120 km Distanz? Entfernungsangaben zählen in Asien kaum einen Cent. Hier werden solche Angaben noch in Stunden gemessen. Und 120 km auf dem Buckel einer Honda Dream können ziemlich lang werden, erst recht dann, wenn die Nationalstraße 13 wie eine endlose Zieleinfahrt kilometerweit ereignislos geradeaus führt. Nur die Hinweisschilder am Straßenrand lassen vermuten, dass man dem Ziel mal wieder ein paar Kilometer näher gekommen ist. Der Minutenzeiger scheint auf der Uhr kleben geblieben zu sein und die Pause auf halber Strecke bringt zwar Erleichterung und kurze Erholung für Körper und Geist, doch zu Beginn der zweiten Etappe sind diese alsbald auf dem endlosen Asphalt und in der brütenden Sonne baden gegangen. Doch jede Tortur findet ihr Ende und nach drei Stunden Gezuckel erreichen wir den Fähranleger nach Don Khong. In nur wenigen Minuten transportiert uns die schwimmende Bretterverschnürung über den sanft fließenden Mekong von einem Ufer zum nächsten. Abladen und aufsteigen und eine Runde durch das Dörfchen drehen. Erst einmal einen Eindruck gewinnen und ein Gespür für Verschlafenheit bekommen. Ich entdecke das alte Guesthouse, in dem ich schon während der Weltreise im Januar 2007 im Zimmer 6 abgestiegen bin. Und als ob der Zufall einen Wink mit dem Scheunentor parat hält, zeigt mir die alte Frau gleich zu allererst den besagten Raum von der Weltreise. Ich bin angekommen. Ein schönes Gefühl. Ein ums andere mal wird mir klar, dass ich mit Laos die richtige Entscheidung für diesen Trip nach Asien getroffen habe. 

Da man auf Don Khong nicht viel mehr machen kann, als sich ein gutes Buch zu schnappen und zu lesen oder einfach die Ruhe zu genießen, zurück zu sich selbst zu finden, beschließen auch wir uns von diesem Zustand treiben zu lassen. Und nach all den vielen Eindrücken der letzten Tage fühlt es sich verdammt gut an, gemeinsam im Einklang mit den Einheimischen im ruhigen Takt zu verharren. Abends dann lernen wir auf einer Restaurantterrasse Sascha kennen, einen grenznahen Bayern, mit dem wir eine endlose Unterhaltung führen, bei dem das eine oder andere Bier und auch zwei oder drei Lao Lao die Kehlen hinunter gespült werden. Abends ist noch alles gut, doch am nächsten Morgen sitzt eine gewaltige Katerglocke über unseren Köpfen und wir bereuen das abendliche Gelage mit jedem Schritt und Tritt. Erst nach dem Frühstück finden wir Regeneration und die Rundfahrt über die Insel führt uns mitten in das Herz von Don Khong. Landwirtschaft und Viehzucht prägen das Bild der Insel. An einigen Stellen glaubt man sich in das Outback von Australien versetzt, so karg und verdorrt ist es auf der Insel. Doch der Weg ist das Ziel und lohnenswert ist er auf jeden Fall.

Und was wäre ein Abstecher nach Siphandon ohne ein Besuch beim gewaltigen Mekongwasserfall Khong Pha Pheng? Gigantisch tosend stürzen sich die Wassermassen in die Tiefe. Ein beeindruckendes Spektakel, dass mit einem Picknick mit exklusiver Aussicht gekrönt wird. Fantastisch.

Es geht zurück nach Pakse. Wir wollen zu Weihnachten in Vientiane sein und den Jahreswechsel in Luang Prabang feiern. Ein Flug, den wir hoffentlich noch recht günstig irgendwie buchen können, soll uns dann im neuen Jahr zurück nach Bangkok befördern. Ich bin gespannt, denn die Inflation hat Laos erreicht und der schlechte Tauschkurs im Vergleich zu 2007 hat das Reisen, nicht nur in Laos, wesentlich verteuert.  

Abgelegt unter: Laos